zurück

Weimarer Sommerkurse 2002

Profile

Gespräche mit Teilnehmenden der Sommerkurse

Moustapha Sow, Germanist aus Dakar (Senegal), beim Besuch der Anna-Amalia-Bibliothek.

Moustapha Sow, Dakar (Senegal), Kurs B

Ich bin Germanist und Pädagoge. Habe acht Jahre an der Universität Dakar studiert und unterrichte jetzt Deutsch an einem lycèe, einem Gymnasium in Dakar. Ich bin 31 Jahre alt und Muslim, ich glaube, der erste hier bei den Sommerkursen.

Welche Aufgabe ich mir gestellt habe? Im Senegal gibt es einen intensiven interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam. Bei 95 % islamischer und nur 5 % christlicher Bevölkerung. Ich war an einer katholischen Schule tätig, und dort habe ich vor fünf Jahren ein Projekt initiiert, das heißt ,dialogue islamo-chrétien'. Heute beteiligen sich viele Schule daran. Es gibt zwei Hauptorganisationen, zwei Veranstaltungen im Jahr. Da werden bestimmte Persönlichkeiten aus dem Islam und dem Christentum eingeladen. Sie halten Vorträge über verschiedene Themen, die wir und auch die Schüler vorher gewählt haben. Unser Ziel ist, die Kinder darauf zu bringen, toleranter zu sein, das andere kennenzulernen. Bei uns gibt es keinen Zusammenstoß zwischen den Religionen. Obwohl wir nur so wenige Christen haben, sind sie integriert. Wir hatten einen Präsidenten, Leopold Senghor, der war Christ. Wir haben im Senegal fast alle christlichen Feiertage integriert. Wir wollen Konflikten vorbeugen, denn wir legen den Akzent nicht auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten.

Worin die bestehen? Wenn die Muslime von dem Koran sprechen, dann sprechen sie auch teilweise von der Bibel. Denn sie gehen davon aus, dass die Bibel, die Thora etc. - alles befindet sich im Koran. Wir versuchen nur, die Menschen auf ihre Rolle hier auf der Erde aufmerksamer zu machen. D.h. nicht zu sagen, ich bin ein Muslim, ich bin ein Christ, ich bin ein Jude - das ist für uns total unwichtig. Das Wichtigste ist bei uns, dass du sagst, ich bin ein Mensch.

Intensive Seminararbeit während des Philosophie-Kurses.

Mein Schwerpunkt als Germanist? Meine Magisterarbeit schrieb ich über Realistik und Phantastik bei Achim von Arnim. Als ich zum erstenmal eine Novelle, oder Erzählung, von Arnim gelesen hatte - ,Isabella von Ägypten' -, da wurde mir klar: Es gibt Verbindungslinien zu unserer Literatur. Phantastik bei Achim von Arnim hat dieselbe Funktion wie Phantastik bei uns. Das finde ich in der afrikanischen Literatur auch, wo Phantastik immer einen Realitätsbezug hat. Ein kleines Beispiel aus dem Alltagsleben: Meine Großmutter sagte mir immer, Moustapha, du sollst nicht um 14 Uhr draußen sein, denn um diese Zeit gibt es Geister, nur um mir zu sagen, dass es nicht gesund ist, nach dem Essen rauszugehen. Das sind Realitätsbezüge, die etwas mit der Erziehung zu tun haben. Im Senegal spiegelt sich die Phantastik im ganzen Leben, im alltäglichen Leben. Es gibt kaum einen Roman im Senegal ohne diesen phantastischen Bezug. Das geht nicht. Wir wollen nicht unbedingt diesen Rationalismus integrieren. Es muss immer so etwas Mystisches vorhanden sein.
Nein, ich komme nicht aus einem Dorf. Ich komme aus Saint Louis. Das war früher die Hauptstadt des französischen Kolonialreiches in Westafrika. Das ist eine große Stadt, eine alte Stadt, eine Kulturstadt. Wie Weimar. Von Saint Louis sind die ersten Intellektuellen von Westafrika ausgegangen, die ersten Ausbildungschulen, die ersten Kirchen. In Saint Louis gibt es weniger Probleme als z.B. anderswo, wo Naturreligionen sehr verbreitet sind. Wir haben gleich am Anfang das Fremde integriert. Und das Fremde damals, das waren für uns die Franzosen.

Meine Eindrücke hier bei den Sommerkursen? Sehr positiv, aus vielen Gründen. Erstens: Ich bin hier der einzige Muslim, und der einzige Schwarze. Die religiösen Schwerpunkte, die diskutiert werden, sind für mich sehr interessant. Ich hab zum ersten mal die Konflikte innerhalb Europas so lebendig erlebt. Denn es gibt, glaube ich, 17 Nationalitäten hier im Kurs. Und wenn wir über die Entstehung von Vorurteilen, von Klischees und Stereotypen diskutieren, dann sieht man, wie auch hier Vorurteile auf die Emotionalität der Personen wirken. Wir waren z.B. in einer Diskussion darüber, wie Stereotype, Idealbilder, Feindbilder in den Köpfen entstehen. Und ein Russe wollten ein Beispiel anführen und hat dann die Georgier zitiert. Daraus entstand ein sehr heftiger verbaler Konflikt, dabei war das gar nicht so gemeint. Ich hatte immer gedacht, dass Europa einheitlich wäre. Das war eine Einbildung. Es ist nicht die Realität. Als Afrikaner scheint mir das eher bizarr. Wir haben diese Probleme nicht mehr, jedenfalls nicht im Senegal. Dort haben wir zwar kein einheitliches Volk. Wir haben viele Völker. Aber diese Intensität der Konflikte, das gibt's überhaupt nicht im Senegal.

Die Atmosphäre vom Anfang hat sich gebessert. Die Leute diskutieren jetzt über ihre Probleme, über ihre innereuropäischen Probleme. Da merkt man, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Die Leute in Europa legen ihren Akzent nicht auf die Gemeinsamkeiten, sondern nur auf ihre Unterschiede. Aber hier in Weimar wird der Akzent auf die Gemeinsamkeiten gelegt. Das merkt man.

Die Konsequenzen für mich persönlich? Ich werde zuerst mein Engagement im dialogue islamo-chrétien intensivieren. Ich habe hier viel gelernt über die Methode. Ich habe gelernt, wie man einen richtigen Dialog organisieren kann. Ich habe etwas Positives hier gemerkt: Dass die Leute jetzt nach einer Woche versuchen - wie sagt man - zusammenzuwachsen. Und das ist ein wichtiger Punkt für mich als zukünftiger Anhänger der afrikanischen Union. Ich habe jetzt hier gelernt, wie man Leute zusammenbringt in einem solchen interreligiösen, interkulturellen Dialog.

Pausendiskussion auf der Terrasse der Europäischen Jugendbildungsstätte Weimar.

Corinna Vosse, Berlin (Deutschland), Kurs C

Ich komme eigentlich aus der autonomen Kunstszene, hab mich schon immer mit Kunst befasst, Kunst rezipiert, Kunst gemacht, Kunst gemanagt...

Was mich zu den Weimarer Sommerkursen gelockt hat, war das Schlagwort "Nachhaltigkeit" - speziell in Kombination mit Kunst und Kultur. Diese Frage danach: Was sind die Aufgaben oder Möglichkeiten von Kunst und Kultur im Zusammenhang mit eben diesem Leitbild Nachhaltigkeit. Ich glaube, dieses Leitbild ist noch sehr unbekannt. Für mich hat es einen Inhalt. Ich möchte meine gesellschaftliche Positionen und meine Wirksamkeit klarer definieren, hinterfragen, erweitern.

Stationen meiner Biographie? Eine war New York. Ich bin 1994 nach New York gegangen und habe dort Leute kennen gelernt, mit denen ich ein Projekt initiiert habe. ,Collective unconscious' hieß das. Wir haben uns verstanden als Präsentationsort für Performance, für darstellende Kunst im weitesten Sinne. Es war gleichzeitig ein Produktionsort, eine Probebühne, eine Werkstatt und vor allem ein Treffpunkt, ein Netzwerk für Künstler und Künstlerinnen. Das war schon eine seltsame Zeit. Es stand alles im größeren Zusammenhang. Es gab eine Gruppe von Leuten, die diese informellen Projekte gemacht haben, wo kleine Festivals entstanden sind - an illegalen oder halblegalen Orten - mit bis zu 1.000 Beteiligten, Leuten, die einfach da waren. Es hatte keinen erkennbaren Zweck über sich selbst hinaus. Es war einfach das Initiieren von großen Erlebnissen, auch das Schaffen einer Gemeinschaft. Es ging um das Erforschen. Das war alles wahnsinnig experimentell. Man hat sich selbst großen Risiken ausgesetzt...

Ich bin dann 1999 wieder nach Berlin gekommen und wollte da eigentlich nicht bleiben, sondern nur zwischenlanden, um ein paar Dinge in meinem Leben zu ordnen, und bin dann auf eine Projekt gestoßen, auf einer ehemaligen Industriebrache, das nannte sich: Reichsbahnausbesserungswerk. Das Projekt war schon installiert. Mit einem Konzept, was soziokulturelle Interessen in den Vordergrund gestellt hat. Ich bin da erst als Künstlerin aufgetreten, hab einfach Räume entwickelt, indem ich eine Nutzung installiert hab. Ich hab eine kleine Galerie für Skulptur, Objekt und Installation ins Leben gerufen, dann eine Werkstatt für Kostüm und Requisite, hab Unterrichtsprojekte gemacht, auch Veranstaltungen gebucht, kuratorisch gearbeitet. Ich war dann eine Zeitlang auch im Vorstand und hab mit einer Gruppe den Bussiness-Plan entwickelt für das Gesamtprojekt. Vor einem Jahr hab ich mich dann zurückgezogen.

Warum? Ausgelöst war das irgendwie durch persönliche Umstände. Aber mit dem Abstand konnte ich auch klarer sehen, dass die Leidenschaft ein bisschen verflogen ist, weil die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Anspruch und dem, was wir da praktisch realisiert haben, sich für mich immer weiter vergrößert hat. Irgendwie ist es mir und den anderen nicht gelungen, das gesamte Projekt unter eine Zielrichtung zu stellen, und daran krankt es meiner Meinung nach sehr. Für mich ist es also gerade wieder eine ,Weg-Bewegung‘, aber noch nicht so recht wieder eine ,auf-etwas-hin-Bewegung'.

Ob mich die ,Sommerkurse‘ in dieser Hinsicht aufgebaut haben? Sie werden auf jeden Fall in meiner weiteren Arbeit Folgen haben. Ein sehr fassbarer Aspekt hat sich da geöffnet, der war vorher sicher auch da, aber jetzt hat er sich geöffnet. Der Hauptpunkt ist, was die Funktion von zeitgenössischer Kunst sein kann. Meine Position hat sich überhaupt nicht verändert, sondern ich hab jetzt einfach nur Worte dafür. Und ich hab andere Aktivisten auf diesem Feld in Theorie und Praxis kennengelernt. Teils persönlich oder über ihre Arbeit. Das hat mir einfach ein sehr gutes Gefühl gegeben: Man ist nicht alleine. Das ist nicht alles irgendwie sinnlos und Quatsch. Und diese Worte dafür zu haben, das gibt mir auf jeden Fall ein Gefühl von Stärke. Meine Biographie, die fügt sich. Auf eine ganz komische Art erhält sie plötzlich irgendwie eine Kontinuität, die ich gerade in letzter Zeit ein bisschen verloren hatte.

Hat meine künstlerische Arbeit mit Nachhaltigkeit zu tun? Ich hab mich nie mit einem konkreten ökologischen Problem befasst, was ich künstlerisch bearbeitet hab, um es irgendwie zu kommunizieren. Meine Arbeiten sind alle intuitiv entwickelt. Also sie gehen an das Emotionale, sind sehr sinnlich-emotional. Aber es ist vielleicht mehr die Form, die ich wähle, wo ich hingehe mit meinen Arbeiten, und wie sie halt Aktivität erfordern von den Teilnehmenden. Es gibt in dem Sinn gar keine Betrachtende, sondern nur Teilnehmende. Das ist mehr der Schwerpunkt, der in meiner Arbeit ist. Sie ist interaktiv und interventionistisch und bestimmt auch sensibilisierend. Bestimmt haben sie auch mit Kommunikation zu tun. Aber vielleicht ist sie eher noch eine Anregung zur Kommunikation zwischen Menschen als eine Kommunikation über etwas.

Mein nächstes Projekt heisst ,Transmutating public space‘. Ich fahre nach Zagreb, Sofia und Ochrid und arbeite dort mit Kunststudenten in einem Praxisworkshop. Ich will vorweg kurz Theorien, Konzepte von öffentlichem Raum besprechen. Wie konstituiert sich öffentlicher Raum? Um dann eben vor Ort eine kleine Intervention selbst zu installieren. Da bring ich etwas mit, was ich selbst entwickelt hab, also eine künstlerische Arbeit, und zwar eine Raumskulptur. Es ist eine Hemisphäre. Sie hat die Form einer perfekten Halbkugel. Es ist insofern ein symbolischer Raum, aber es entsteht halt auch ein realer Raum, den man begehen kann. Man hat ein sehr starkes Raumerlebnis von innen. Die Akustik verändert sich. Es wirkt auch sehr stark von außen. Und dann hat es eben die Besonderheit: Es ist aus einer Projektionsfolie, so dass man von ringsum Bilder projizieren kann. Das bietet dann natürlich ein sehr schönes Bild als Skulptur von außen und als Raum ein sehr starkes visuelles Erlebnis von innen. Das will ich dann mit den Studenten irgendwo installieren an einem Ort, den wir zusammen finden. Man kann es nutzen auf sehr viel verschiedene Arten. Man kann den Schwerpunkt darauf setzten, dass man es als Skulptur installiert. Man kann es als Begegnungsraum initiieren. Man kann was darin ausstellen. Man kann da wirklich alles Mögliche mit machen. Das bleibt total offen.

Amiram "Pako" Swimonishvili, Lehrer und Philosoph aus Tiflis/Georgien.

Amiram "Pako" Swimonishvili, Tbilissi (Georgien), Kurs A

Die Schule, an der ich arbeite, beruht auf den humboldtanischen Ideen. Ihr Gründer, Prof. Guramramischvili, Sprachphilosoph und Humboldt-Preisträger, war ein Schüler des Sprachforschers Leo Weisgerber. Wir fangen mit Deutsch in der vierten Klasse an. Erweiterter Deutschunterricht heisst bei uns nicht, dass die Kinder schon von Anfang an nach dem Papageisystem Deutsch lernen. Wir gehen inhaltsbezogen auf die deutsche Sprache ein und über die deutsche Sprache auf die deutsche Kultur. Wir versuchen, über das Weltbild der eigenen georgischen Muttersprache zum Weltbild der deutschen Sprache, ja, nicht zu gelangen, aber in die Nähe zu kommen. Und so auch umgekehrt, über die deutsche Sprache das Eigene besser zu verstehen. Das ist die vergleichende Methode.

Unsere Schule ist eine freie Schule. Sie war von Anfang an ein interessantes Projekt und hat sehr viele interessante Menschen angezogen. Bis jetzt ist es uns noch gelungen, diese interessanten Leute zu behalten. Als Lehrer sind wir Freischärler, kann man sagen. Wir bekommen da praktisch nichts. Wir versuchen, Förderer, einen Förderkreis für die Schule zu finden, weil - so kann es nicht weitergehen. Wir arbeiten daran. Wir haben Partnerschulen in der Schweiz, in Deutschland. Die Beziehung bleibt fest.

Meine sonstigen Aktivitäten? Ich habe vor zwei Jahren ein Buch herausgegeben, einen Gedichtband. Der wurde von meinem jüngeren Bruder finanziert, der auch unserer Schule sehr hilft. Er hat eine Mineralwasserfabrik und exportiert auch. Das ist eine schweizerisch-georgische Firma. Über meine Lyrik hat er so einen Spruch gemacht: "Ich kann ein Gedicht meines Bruders sofort erkennen. Unter Millionen Gedichten. Wenn man nichts versteht, dann ist es von meinem Bruder."

Ich versuche weiter, an der Philosophie zu partizipieren. Ich habe zwar noch nicht angefangen, meine Doktorarbeit zu schreiben, aber Stichwörter hab ich schon zusammen. Ich versuche, mit Martin Heidegger im Bereich der existentiellen Ontologie das Problem der Sprache zu erläutern. Das Thema muß ich noch lokalisieren.

Meine Impressionen hier? Die Weimarer Sommerkurse sind wirklich wie Wasser für einen Menschen, der in der Wüste geht. Pathetisch gesagt. Also, ich fühle mich wirklich sehr wohl und gut in Weimar. Das ist nicht so ein gemütliches Sich-Wohlfühlen, so ein bisschen Biedermeier, ein bisschen Ruhe haben oder so. Das ist etwas ganz anderes. Das ist philosophische Leben, was hier wirklich, ich würde sagen, von Dr. Frithjof Reinhardt getragen wird. Es ist so ein offener Diskurs. Jeder kann seine Intention reinbringen. Es sind wirklich die Themen, die heute in der Welt besprochen werden. Philosophie ist meines Erachtens wirklich die einzige kritische und wichtige Sache, die wir nicht vergessen sollen in der heutigen Welt. Die Frage: Wie ist Philosophie möglich? Wie weit kann Philosophie die moderne Entwicklung beeinflussen?

Meine Position? Philosophie deckt die Sachen auf, die als selbstverständlich angenommen werden, und das sind oft genau die falschen Prämissen, die dann zur Instrumentalisierung verschiedener Ideen, zur Ideologisierung führen. Wir wissen alle, Natur zu zerstören, ist schlecht. Und wir wissen alle irgendwie, dass Gentechnologie Probleme schafft. Aber warum? Philosophie stellt immer die Frage: Warum? Und wie kann sich das alles in Zukunft entwickeln? Wenn man über Weltethos oder solche Oberbegriffe und so dünne Begriffe spricht, die alles umfangen, dann kommt man zuerst nicht auf das Problem des Weltethos, sondern auf die Frage: Was ist Welt? Denn es gibt nicht eine Welt. Es gibt die Welten. Das ist besonders wichtig im Zusammenhang mit der Globalisierung. Also es gibt Welten der Nationen. Was ist das, was den Menschen, was uns alle gleich macht? Das ist der Geist. Der Geist als gestaltende Kraft. Aber wie diese Kraft sich entfaltet, das ist ein Problem. In verschiedenen Kulturen, Nationen. Was verstehen wir z.B., oder Afrikaner, was verstehen wir unter Menschenwürde? Wir können sagen, Menschenwürde, das ist ja klar, oder? Aber es ist nicht so einfach. Das muß reifen, kritisch reifen.

Was ich wichtig finde: Wir sprechen über ein gewisses Ethos, das hier in Weimar schon geübt wird. Es ist nicht so, dass aus verschiedenen Ländern die Leute kommen, aus Afrika, aus Georgien, aus Russland, die Deutschen, die West- und Ostdeutschen, dass die alle zusammen kommen und so kindlich-naiv sagen: Wie schön ist es, dass wir alle zusammen sind! Sondern wir versuchen wirklich, miteinander zu diskutieren. Zum Teil sind die Diskussionen sehr spannend und interessant. Dazu gehört Kultur, die Gott sein dank alle Philosophen mitbringen. Das ist schon ein Ethos, was hier ,live' zu erleben ist. Die Zeit vergeht hier sehr schnell und sehr langsam gleichzeitig.

Mein Traum? Ich möchte eine Zeitschrift herausgeben. Im Mittelpunkt sollen aktuelle Themen des modernen Denkens stehen. Sie soll Literatur einbeziehen, aber auch Politik und Wirtschaft. Aber ich möchte das nicht so wie eine Schublade gestalten, wo man wie in einem großen Supermarket von allem ein bisschen haben kann. Sondern ein bisschen thematisch gestalten. Das ist leicht gesagt, aber eine schwierige Sache. Schwierig ist auch das Überleben, die materielle Existenz. Dass die Globalisierung ein Thema wird, das ist für mich schon klar. Andererseits moderne Literatur, georgische, vielleicht auch ausländische, die übersetzt wird. Vielleicht auch Mode. Das ist gut, um Zeitschriften zu verkaufen. Und Wirtschaft. Aber alles im gewissen Zusammenhang, nicht getrennt voneinander. Die Wirtschaft also nicht nur in Statistiken oder so. Es muß auch eine Analyse geben. Und Entwürfe, auch wenn es um Mode geht. Es gibt auch eine Philosophie der Mode...

Antonia Furjelova, Philosophin und Hochschullehrerin aus Bratislava/Slowakei.

Antonia Furjelova, Bratislava (Slowakei), Kurs A

Ich unterrichte an der Philosophischen Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava. Ob ich auch eine Philosophin bin, sein dahingestellt...

Ich unterrichte die Geschichte der neuzeitlichen Philosophie von der Renaissance bis zur Aufklärung und zweitens die Didaktik der Philosophie. Also, ich oszilliere eigentlich zwischen zwei hohen Ansprüchen: Einmal ist es die sogenannte klassische Philosophie als akademische, theoretische und abstrakte Disziplin. Und zweitens geht es um sehr praktische Aspekte, d.h. wie kann man Philosophie unterrichten? Meine Rolle dabei ist, die zukünftigen Lehrer zu orientieren, wie sie philosophisches Denken an andere weitergeben können. Philosophie ist für mich ein wichtiger Bestandteil der europäischen Zivilisation. Und jetzt geht es darum, diesen wichtigen Bestandteil, ohne den wir heute nicht über Europa sprechen könnten, der nächsten Generation weiterzugeben und dabei auch weiter zu entwickeln. Wir können nicht an einem Punkt anhalten und sagen: Stop! Das ist jetzt das Ende der Philosophie. Ich befürchte, das wäre auch das Ende unserer Zivilisation.

Wenn wir Vorlesungen und Seminare machen, ist immer die Frage: Wozu brauchen wir das, was Bacon, Descartes, Spinoza, Leibniz, die deutschen Aufklärer, die französischen Aufklärer gedacht haben, wozu brauchen wir das heute? Die Frage ist immer dabei: Lernen wir oder unterrichten wir etwas Antiquarisches? Bin ich eine Schildkröte, die das alte Denken und das alte Wissen irgendwie weiter transportiert? Ist das meine Rolle? Reicht das? Ja, vielleicht brauchen wir auch solche Leute, die noch sagen können, was sind die Quellen unserer Kultur? Aber ich meine, Philosophie heute sollte auf die Praxis orientiert werden in dem Sinne, dass sie fähig ist, die geistige Aktivität der Menschen wieder zu mobiliseren. D.h. die Philosophie sollte meines Erachtens mehr praktisch werden, also wieder mehr zu den Menschen kommen. Was heißt praktische Seite der Philosophie? Für mich ist es z.B. Ethik. Und im Rahmen der Ethik können wir heute mehrere Bewegungen zur Konstituierung eines Weltethos finden. Ich meine, das ist auch eine Aufgabe für heutige Philosophie: Zu versuchen, ein Weltethos für heutige Menschen zu bauen.

Wir müssen aber vielleicht unterscheiden, und zwar zwischen einem Ethos für jeden und einer europäischen Ethik. Ich meine nicht, dass so etwas wie eine europäische Ethik dasselbe ist wie ein Weltethos. Das würde wieder dazu führen, dass das, was spezifisch europäisch ist, wir als Weltdirektive behandeln können. Und damit haben wir, meine ich, bestimmte Erfahrungen schon seit der Kolonialisierung. Ich meine nicht, dass wir das wieder machen sollten. Deshalb möchte ich unterscheiden zwischen Weltethos und europäischer Ethik.

Kants Idee ist aktuell: Vernunft als ein universales Mittel, das das Potential hat, zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu führen. Der Beitrag der heutigen Zeit besteht darin, dass wir diesen Anspruch des Universalismus in seinen partikularen Formen verwirklichen sollten. Anders gesagt: Dass wir als Individuen, die im Kontext ihrer Regionen, d.h. Tradition, Kultur, Nation, Religion tätig sind, nicht die Hoffnung verlieren, als universell-menschliche Individuen zu denken und zu handeln.

Wir sind alle Partikularisten. Das können wir hier sehen, wie wir hier zusammen sind: Jeder hat seine eigene Sprache, eigene Tradition, eigene Kultur, es gibt verschiedene Formen von Religion. Wir sind Partikularisten in dem Sinne, dass wir mit beiden Füßen in unserer eigenen Kultur oder mindestens Tradition, Nation, Religion stehen. Wir möchten aber diese Dimension auf irgendeine Weise überschreiten. Es zieht uns zu dem, was wir eine universal-europäische Dimension nennen können. Der Wunsch war in unseren Diskussionen immer anwesend, diese Spannung zwischen zwei verschiedenen - sagen wir mal - Identitäten, zwischen zwei verschiedenen Moralen, Sitten, Gewohnheiten zu lösen. Einerseits bin ich Slowakin. Andererseits bin doch, meine ich, eine Europäerin, bin ich Mensch, bin ich Bewohner dieser Erde und des Kosmos. Wie schon die Leute in der Renaissance, die sich selbst als modern bezeichnet haben, bin ich Makro- und Mikrokosmos in einem. Auch diese Position des radikalen Holismus kann mir nicht reichen. Ich muß überlegen, was die Beziehungen zwischen Natur, Mensch, Kosmos, Welt betrifft. Das ist immer fraglich. Das muß der Mensch immer lösen. Welche Formen also diese Spannung weiter annimmt, das werden wir sehen, aber wir müssen auch neugierig sein. Nur bei dieser Grundneugierigkeit können wir eigentlich weiter etwas in dieser Welt machen und mit dieser Welt.

Wenn wir so etwas wie europäisches Denken weitermachen möchten, müssen wir auch wissen: Europa, das ist die Vielfältigkeit nicht nur in der Qualität sondern auch in der Quantität. Was kann eine kleine Nation wie z.B. die Slowakei mitbringen, wenn wir jetzt danach streben, in die EU einzutreten? Was aus unserer Kultur kann weiter benutzbar sein? Nicht im Sinne des bloß Praktischen, sondern also im Sinne bestimmter regulativer Normen. Nur ein Beispiel: In unserer Geschichte waren wir eine Nation, die nie militärisch tätig war. D.h. man kann sagen, die Slowaken haben immer gewartet. Die Freiheit, die sie 1918 bekommen haben, war nicht durch militärische Aggression gewonnen, war nicht erkämpft, eigentlich war das ein Geschenk durch kluge und gute Diplomatie. Es gab also keinen Krieg wegen unserer Freiheit. Das hat sich wiederholt im Jahre 1993. Damals ist es um die Trennung der Tschechoslowakei gegangen, und damals sind die tschechische und die slowakische Republik als zwei verschiedene Staaten entstanden. Das war wieder nicht-aggressiv, nicht militärisch, das war wieder ein Abkommen. Es hat geklappt, wieder ohne Waffen. Das war eine politische Frage, die sehr menschlich gelöst wurde.

Eine Impression aus Weimar? Gestern waren wir im Nietzsche-Archiv, und das war ein starkes Erlebnis für mich, ein starker Moment. Die Atmosphäre des Hauses, der Nietzsche-Kult, das erzählt etwas über die Zeit, die wir als Moderne bezeichnen möchten. Die Moderne beginnt gerade mit einem Mythos. Wir sagen immer, Philosophie ist aus einem Mythos entstanden, und jede Einführung beginnt mit der Unterscheidung, was Mythos ist, was Philosophie ist. Und das war für mich faszinierend, gerade diesen Mythos in der so rationellen Moderne zu sehen. Die Industrialisierung andererseits, die Entstehung der Masse, die Großstädte, das ist etwas sehr Rationales. Andererseits die Erneuerung des Mythos, der Legenden. Man fragt sich, ob die Bestrebung nach Transzendenz, die Transzendierung des Menschen, eine Grundeigenschaft des Menschen ist, die man nicht umbauen, abbauen, verlassen kann. Das ist immer bei uns drin, und eine Aufgabe vielleicht auch für die zukünftige Philosophie: Wie kann man mit dieser im Menschen anwesenden Spiritualität weiter arbeiten?