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Weimarer Sommerkurse 2002

Lernort Weimar – Geistige Plattform und "kulturelle Armierung" in Zeiten der Globalisierung

Der "Lernort Weimar" (hier das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater) ist ein wunderbares Revier für Menschen, die sich für komplexe Zusammenhänge zwischen Kultur und Geschichte, zwischen Natur und Wissenschaft, zwischen Musik und Soziologie interessieren.

Die Koordinaten von Weimar: 11° 18' östlicher Länge und 50° 58' nördlicher Breite. Ein winziger Punkt auf dem Globus, eine kleine Stadt in Thüringen, dem grünen Herzen Deutschlands. Und doch ein geistiges Kraftfeld, ein Magnet mit weltweiter Anziehungskraft.

Sie kamen aus Tiflis, der uralten Kulturstadt am Kaukasus, Ausgangspunkt der Seidenstraße, die einmal Europa mit Asien verband. Sie kamen aus Dakar, der frankophonen Hafenstadt am westlichsten Punkt Afrikas, aus Riga und Sevilla, Witebsk und Belgrad, Berlin und Moskau... Eine kleine Gruppe junger Intellektueller: PhilosophInnen, GermanistInnen, KünstlerInnen... kam für zwei Wochen in Weimar zusammen und machte die Stadt zu ihrem Erlebnisraum, Aktionsraum, Lernort.

Ein Lernort mit neuem Gebrauchswert? Mit einer neuen ,Relevanz' jenseits eines gußeisernen Klassiker-Personenkults? Attraktiv für eine junge Generation, die in den Schockwellen der ökonomischen und kulturellen Globalisierung aufwächst, eine Generation, die diese atemberaubenden Prozesse zu bestehen und zu steuern haben wird? Der richtige Ort für die Frage nach dem guten Leben?

Der politische Kontext dieser dritten ,Weimarer Sommerkurse': In Johannesburg suchte der UNO ,World Summit on sustainable development' einen Konsens, um wenigstens die nächsten minimalen Schritte des Übergangs zu einer nachhaltigen Entwicklung auf dem blauen Planeten zu tun. Es jährten sich die Terroranschläge des 11. September, die die Gefahr eines Zusammenpralls der Kulturen bedrohlich eskalieren ließen. Gleichzeitig traten die Entscheidungsprozesse für die Osterweiterung der Europäischen Union in die heiße Phase.

Wo sind die ,kulturellen Armierungen' (Hellmut Seemann), die Stützpfeiler und Verstrebungen für das europäische Haus? Wie sind die geistigen Fundamente so zu stärken, dass sie in Zeiten ökonomischer Krisen, selbst in Zeiten der Zusammenbrüche und der Pauperisierung, tragfähig bleiben? Welche ethischen Orientierungen ermöglichen es, die Turbulenzen der Globalisierung nicht nur auszuhalten, sondern bewußt daran zu arbeiten, nachhaltige Strukturen in die Welt zu setzen? Die ,Weimarer Sommerkurse' definieren sich seit ihrer Etablierung im Millenniumsjahr 2000 als Teil einer vielgestaltigen und polyphonen internationalen Suchbewegung.

Die Stadtführung mit Dr. Frithjof Reinhardt (hier im Park an der Ilm) gibt erste Einblicke in den 'Lernort Weimar' und ist traditionell der Auftakt der Weimarer Sommerkurse.

Ein erster gemeinsamer Gang durch den Stadtkern, an einem der letzten hochsommerlich heißen Tage des Jahres, führte in das Koordinatensystem ,Weimar'ein: Frithjof Reinhardt zelebrierte mit ansteckender Begeisterung den ,philosophische Stadtrundgang'.

Erster Halt: S t e r n b r ü c k e. Die Blickachse geht am Flußufer entlang über den ,Stern', die Keimzelle des Ilmparks. Das Konzept bei der Anlage des Parks: Das in der Natur Liegende herauszukristallisieren. Nicht indem man beschneidet, sondern indem man entfaltet, was in der Pflanze angelegt ist. Der Park ist Symbol für die Hinwendung zur Natur. Die Gärten sind immer zugleich Nutzgärten und ästhetische Orte, wo Schönheit eine große Rolle spielt, und Kommunikationspunkte. In Weimar wurde in der Natur kommuniziert.

Der zum Schlosskomplex gehörende ehemalige Marstall war in der Nazizeit Gestapo-Gefängnis und für viele Häftlinge letzte Station auf dem Weg nach Buchenwald - ein Beispel für die in Weimar vielfach anzutreffende enge Verzahnung von Hochkultur und Topographie des Terrors.

Es wurde aber auch - hinter dicken Kellerwänden - gefoltert. Der M a r s t a l l, nur ein Steinwurf von der Sternbrücke entfernt, gehört zum Komplex des Schlosses. Eine Gedenktafel informiert: In der Nazizeit war der Bau Gestapo-Gefängnis. Für viele Häftlinge die letzte Station auf dem Weg nach Buchenwald und in den Tod. Die Brüche, die Weimars Geschichte durchziehen: Das Ensemble der kultivierten höfischen Lebenswelt und die Topographie des Terrors sind miteinander verzahnt. Mitten in der Stadt.

Ein paar Minuten weiter dann der H e r d e r p l a t z mit dem Herderhaus, dem Denkmal und der Kirche St. Peter und Paul. Johann Gottfried Herder hat die Stadt mit geprägt, war der große Anreger. Kein Stern, aber eine ,Galaxie von Sternen' (Jean Paul). Aufrechter Gang, Humanität, im Sinne von Menschlichkeit - Herders Leitbilder. Sein Konzept der personalen Selbstentfaltung zielte auf Kommunikation und dann auf Handlung, also auf die Frage: Wie können wir uns in die Gemeinschaft einbringen?

Durch eine schmale Gasse gelangen wir vom Herderplatz zum W i t t u m s p a l a i s, Anna Amalias Witwensitz seit 1774. Hier bildete sie die ,Tafelrunde', einen der geselligen Mittelpunkte und zentralen Kommunikationsorte der Weimarer Klassik. Kommunikation spielt immer wieder eine große Rolle: Gemeinsam eine Sache ideal ausdrücken.

Ein schmaler Gang führt zum T h e a t e r p l a t z. Wir stehen vor dem Denkmal: Schiller schaut idealisch in den Himmel, Goethe pragmatisch auf den Platz. Theater als Erziehungsanstalt, als ,moralische Anstalt'. Schiller wollte mit seinem Drama die barbarische Staatsverfassung verändern. Die schöne Kunst ist das Werkzeug. Formtrieb, Materialtrieb, den Spieltrieb, sagte Schiller, müssen wir ansprechen. 1919 tagte im Theater die verfassunggebende Versammlung und gründete die ,Weimarer Republik'. Sieben Jahre danach im selben Gebäude: Reichsparteitag der Nazis.

Gegenüber erinnert das B a u h a u s - Museum an die Visionen von einer ,Kathedrale der Zukunft'. Die Krise als Chance. In einer Nachkriegszeit, mit ärmsten materiellen Mitteln, entwarf das Staatliche Bauhaus am Rand des Ilm-Parks Konzepte einer industriellen Ästhetik der Formgebung, das Programm einer neuen Zusammenführung aller Künste. Fünf Jahre lang. Bis man es 1925 aus Weimar vertrieb.

Dann Goethes Wohnhaus am Frauenplan, das legendäre Hotel Elephant, der Marktplatz. Hier endet der philosophische Rundgang. Eine erste Aneignung des Raumes. Fortsetzung eine Woche später. Dann steht J e n a auf dem Programm: die Wiege des deutschen Idealismus, der Frühromantik und der wissenschaftlichen Ökologie.

In den nächsten zwei Wochen werden die drei Gruppen der ,Sommerkurse' das phantastische Ensemble dieser Lernorte wieder und wieder aufsuchen und intensiv nutzen. Man wird dann die Orte und die Menschen, die heute dort daran arbeiten, die Traditionen zu sichten und lebendig zu halten, gezielt befragen: Nach der ,Ästhetik Schillers als Weg zur grundhaften Erneuerung der Gesellschaft'. Nach der ,Wahrnehmung des Orients in der Weimarer Klassik'. Nach ,Nietzsches Kritik an der Moderne'. Nach den ,Symbolwelten des Genug', die das Bauhaus entwarf... Man wird Faust I im Nationaltheater sehen, im Kubus an der Ilm den mitreißenden Orient-Jazz von Swinging Divan aus Beirut genießen und an einem der ersten frühherbstlichen Tage im Park von Tiefurt Volleyball spielen, Picknick machen und plaudern.

"Die Stadt finde ich wunderbar", wird Moustapha Sow, Gymnasiallehrer aus dem Senegal, am Schluß sagen. "Als Germanist nach Weimar zu kommen, ist für mich eine Pilgerfahrt. Wie nach Mekka. Denn ich habe mich intensiv mit vielen Werken Goethes auseinandergesetzt. Aber, mein Gott, das war sehr theoretisch. Abstrakt. Aber jetzt hier in Weimar! Ich fühle mich wie in Goethes Kopf."

Das Internationale Buffet im Garten der Europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Weimar (EJBW), ein reich gedeckter Tisch aus Mitbringseln der Teilnehmer, Kulinarisches in Hülle und Fülle - die erste Begegnung der Kulturen ging durch den Magen...

Am ersten Abend, unter freiem Himmel, zwischen den stämmigen Bäumen im Park der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW), das Begrüßungsfest. Ein Buffet aus Mitbringseln der Teilnehmer. Tokaier Wein aus Ungarn, mazedonischer Schafskäse, georgische Süßigkeiten und Kognak, russischer Wodka, roter Kaviar, Thüringer Wurst... Kulinarisches in Hülle und Fülle. Die erste Begegnung der Kulturen ging durch den Magen.

Die ,Sommerkurse' haben ihren festen Ort, die ,Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte'. Das Ensemble an der Jenaer Straße, entstanden zum Kulturhauptstadt-Jahr 1999, ist eine Fusion aus exquisiter alter und exquisiter neuer Architektur: Zwei sorgfältig restaurierte Jugendstilvillen mit hochmodern ausgestatteten, lichten Seminarräumen und Büros. Ein quaderförmiger, großflächig verglaster, mit schwarzen Betonplatten verkleideter Neubau, eine großzügige Terrasse - der Mensatrakt. Unterhalb, am Hang, der zur Ilm hinabgeht, vier schmale, zweigeschossige, mit Holzlamellen filigran verkleidete Gartenhäuser. Hier sind die schlicht und funktional eingerichteten Gästezimmer untergebracht. Die vier Bauten ,schweben' auf Betonstützen, unter denen die Luft zirkulieren kann. So stören sie weder die Kronendächer noch das Wurzelwerk der alten Bäume, unter denen sie stehen. Der weiträumige, von Wegen durchzogene, mit Sitzgruppen aufgelockerte Binnenraum zwischen Mensa und Wohnbereich war einmal der Garten des Märchendichters J. C. A. Musäus, eines Zeitgenossen Herders und Goethes. Vielleicht hat er die eine oder andere der alten Eichen und Ahornbäume eigenhändig gepflanzt.

Nimmt man das jenseits der Ilm stehende klassizistische Reithaus hinzu, das ebenfalls der EJBW gehört, drückt diese Bildungsstätte bereits in ihrer Architektur das Spannungsfeld zwischen Klassik und Moderne aus, das so wohl nur in Weimar existiert. Ihre Lage ist ideal. Fünf Minuten zu Fuß, und man steht vor Goethes Gartenhaus, zehn Minuten, und man erreicht die Bauhaus-Universität.

"Ja, ich fühl' mich wohl in diesem Gebäude," meinte der Schweizer Künstler George Steinmann, nachdem er zwei Tage lang intensiv mit dem Kurs C über das Thema ,Kunst als Wissensform' gearbeitet hatte. "Wenn man will, dass die Energien fließen, muß das natürlich beginnen mit der Architektur, quasi dem genius loci eines Ortes, und ich fühl' einen sehr guten Spirit hier in diesem Haus."

Durch die Fenster der Seminarräume und der Gästezimmer dringt viermal in der Stunde der zarte, klangschöne Ton der Schloßturm-Glocke. Was man da hört, ist ein authentischer ,O - Ton' aus der Goethe-Zeit. Gegossen wurden das Geläut bereits 1712. Stadthistoriker vermuten, dass Johann Sebastian Bach dabei war, als man sie stimmte.


Man hätte die sprichwörtliche ,Stecknadel' fallen hören können, als zum Auftakt der Sommerkurse, im lichtdurchfluteten großen Seminarraum der EJBW Hellmut Seemann, der Präsident der ,Stiftung Weimarer Klassik', in einem fulminanten Vortrag und einem intensiven Gespräch seine ,vorläufige Antwort' auf die Frage nach der Rolle Weimars im 21. Jahrhundert entwickelte.

Er begann mit einem Blick auf die Entstehung der Weimarer Klassik und die verschiedenen Phasen ihrer Rezeption. Letztere sei über lange Phasen hinweg eine Geschichte ihrer Ideologisierung und Instrumentalisierung gewesen: Legitimation für die hegemoniale Machtpolitik des wilhelminischen Kaiserreiches, für die faschistische ,Revolution', für den deutschen Weg zum Sozialimus. Was könnte nach dem Ende dieses deutschen ,Sonderweges' heute die Zukunftsfähigkeit des Konstrukts Weimarer Klassik ausmachen? Seemanns Ausgangspunkt: "Wir können nicht mehr von einer gültigen Interpretation dessen ausgehen, was Weimar ist. Sondern wir müssen Weimar offenhalten für jedermann, der aus Europa und der Welt hierher kommt, weil er sich für Nietzsche, weil er sich für Goethe, für Bach, für Liszt, weil er sich für das Bauhaus interessiert. Wir müssen sozusagen als eine Service-Station für kulturell Interessierte fungieren, die immer wieder deutlich macht: Es ist alles viel komplizierter..."

Keine neue Ideologisierung also, kein Kanon, sondern stattdessen die Arbeit daran, ein ziemlich einzigartiges Spannungsfeld und das unglaubliche Potential, was es in sich hat, zu öffnen. "Weimar ist überaus komplex. Und deswegen ist es ein wunderbares Revier für Menschen, die sich für komplexe Zusammenhänge zwischen Kultur und Geschichte, zwischen Natur und Wissenschaft, zwischen Musik und Soziologie interessieren."

Das wäre die ,Dienstleistung' Weimars, ein Angebot an jedermann, der kommt, um für sich eine Bildungsperspektive zu erschließen. Wir müssen darüber hinaus, sagt Seemann, "das, was wir selber glauben, was diese Klassik gewesen ist, oder sagen wir, diese Epoche zwischen 1750 und 1925, unser Konzept davon müssen wir an Menschen aus Europa und der Welt in einer Weise vermitteln, wofür ich nur ein Wort habe, nämlich Bildung."

Beim Internationalen Buffet im Garten der EJBW.

In der Goethe-Zeit habe man ,Bildung' verstanden als den Prozess der allmählichen Vervollkommnung des Menschen aus seinen eigenen Anlagen, aus seinen eigenen geistigen Anstrengungen heraus. Er war immer gedacht als ein individueller Prozess, als ,Arbeit an sich selbst'. Aber aus diesen Anstrengungen ,verständigungsfähiger Subjekte' könnten "kleine intellektuelle Zellen und Zentren überall in Europa" entstehen, "wo man sich mit Weimarer Klassik auskennt".

In der Diskussion hat Hellmut Seemann diesen Gedanken weiter reflektiert: "Meine Idee ist eben einfach die, dass es sozusagen eine Art von europäischem Laienorden gibt, von Menschen, die sich von einem Ort und seiner Geschichte so angezogen fühlen, dass sie über die Nationen, über die Generationen, über die Fachinteressen hinweg, sagen: Das ist eine Plattform, auf der wir uns verständigen können. Ich weiß, wovon der redet, wenn er Weltliteratur sagt. Dann hat er ein Bild im Kopf, das ich auch im Kopf habe."

In der Epoche der Globalisierung müsse Europa müsse seine Rolle definieren. Und zwar nicht nur als Wirtschaftsraum. Das europäische Haus brauche ,Armierungen', ,geistige Plattformen' damit das Gebäude nicht zusammenstürze. Eine von solchen kommunizierenden Plattformen für die Selbstverständigung der europäischen Nationen über ihre Geschichte, Ideale und Wertorientierungen könnte Weimar sein. Ein - so formulierte Hellmut Seemann seine Vision - "Baustein zu einem europäischen Gehirn", eines der geistigen Zentren für Europäer, die auf dem Weg sind zu einer europäischen Nation.