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Weimarer Sommerkurse 2002

Impulse III

Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Peter Anton von Arnim

Der Islamwissenschaftler Peter Anton von Arnim bei seinem Vortrag in Weimar.

Peter Anton von Arnim hat über die ,Wahrnehmung des Orients in der Weimarer Klassik' referiert und in einem Workshop das Thema vertieft. In unserem anschließenden Gespräch ging es um die Frage, ob die Auseinandersetzung vor allem Goethes mit dem Islam heute fruchtbar gemacht werden könne.

Frage: Sie haben bei einem abendlichen Gang durch Weimar das neue Hafis-Goethe-Denkmal am Beethovenplatz besichtigt. Ihre Eindrücke?

von Arnim: Ich hatte es vorher noch nicht gesehen, wusste nur von Fernsehberichten darüber... Wir kamen dahin. Da stehen zwei große Stühle, mit einer hohen Lehne, in einem gewissen Abstand, aber doch so, dass man von diesen beiden Stühlen aus einen Dialog führen kann. Und in der Tat, da saßen auch zwei Einwohner von Weimar auf diesen Stühlen und unterhielten sich wunderbar. Und wir haben dann dieses Gedicht von Hafis entdeckt und hinter den Stühlen jeweils einen Vierzeiler aus dem Divan.

Frage: Die Beschäftigung Goethes mit Hafis und darüber hinaus mit der islamischen Kultur sehen Sie als einen bewußtseinserweiternden Prozess?

v.A.: Eine Bewusstseinserweiterung geht immer aus von dem Bekannten, von den Dingen, mit denen man vertraut ist. Und das entscheidende Buch für Goethe, wie noch für den Kommunisten Brecht, war ja die Bibel, also die Lutherbibel. Und damit ist auch gesagt: Das war das Land seiner Kindheit. Aber zugleich war Goethe sich dessen bewußt, dass das Phantasieland seiner Kindheit der Orient ist. Nicht wie später in der Romantik Christentum mit Germanentum identifiziert wurde. Dass das Christentum eine orientalische Religion ist, das war Goethe völlig bewusst, und natürlich erschloss sich dann durch die Begegnung mit dem Koran zugleich die ihm vertraute Welt, aber auf eine völlig neue Weise. Insofern war das eine Erweiterung des Horizontes, und das hat sich später im Divan niedergeschlagen: Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident... Das ist ja die Zeit, in der er nicht nur den Begriff der Weltliteratur, sondern auch den der Weltfrömmigkeit geprägt hat.

Frage: Was ist mit diesem Konzept gemeint?

v.A.: Dass sich unser Erfahrungshorizont durch den internationalen Verkehr, die Entdeckung Amerikas z.B. so erweitert hat, dass eine Hausfrömmigkeit eben nicht mehr genügt und wir uns erweitern, öffnen müssen hin auf die Welt.

Frage: Eine Art von Globalisierung im Denken?

v.A.: Ja, absolut, das ist sowohl im Faust angelegt, als auch im west-östlichen Divan, diese Blickwinkel.

Frage: Sie wollen diese Beeinflussung Goethes durch den Islam fruchtbar machen für das heutige Zusammenleben von muslimischen Einwanderern und Einheimischen in Deutschland. Dieses Engagement hat für Sie einen biographischen Hintergrund.

v.A.: Dazu muss ich sagen, dass ich sieben Jahre in einem islamischen Land, im Nordsudan, gelebt und die Katastrophe miterlebt habe, dass sich in diesem Land dann ein fundamentalistisches Regime etabliert hat. Das hat dieses Volk, das ich sehr liebe, die Sudanesen, bisher Millionen von Menschenleben gekostet... Aus dieser Erfahrung heraus hat sich das Gefühl der Solidarität mit den Muslimen in aller Welt entwickelt, die von diktatorischen Regimen - im Namen der Religion meinetwegen - unterdrückt werden. Und denen man Unrecht tut, indem man ihren Glauben identifiziert mit Terrorismus, mit Unterdrückung und dergleichen. Dieses Gefühl der Solidarität hat sich dann natürlich übertragen auf die drei Millionen Muslime in Deutschland.

Frage: Nach dem 11. September ist das Verhältnis noch schwieriger geworden.

v.A.: Genau das ist eben, was mich am meisten beschäftigt. Ich habe mir gesagt, diese drei Millionen Muslime verdienen es nicht, alle in den Topf des Terrorismus geworfen zu werden. Ich höre dann immer wieder die Argumente, dass insbesondere die Türken, die ja die Mehrheit unter den Muslimen in Deutschland ausmachen, nicht wirklich Deutsche werden können. Heutzutage wird da nicht mehr rassistisch argumentiert, sondern man sagt, sie hängen dem Islam an, das ist eine uns so fremde Religion, dass sie einfach nicht in unsere Kultur integrierbar ist. Das gleiche Argument wird auch gegen die Aufnahme der Türkei in die EU benutzt. Ich wünschte mir, dass dann in dieser Diskussion einmal ein in Deutschland aufgewachsener und mit der deutschen Kultur vertrauter junger Türke aufsteht und sagt: Euer größter Dichter hat sich zum Islam bekannt. Er hat geschrieben, in seiner Ankündigung des West-Östlichen Divan, er lehne den Verdacht nicht ab, selbst ein Muselman zu sein. In Anbetracht der vorsichtigen Ausdrucksweise bei Goethe ist das ein starkes Wort.

Frage: Die Beschäftigung mit Goethe wäre andererseits auch für die hier lebenden Muslime lehrreich?

v.A.: Ich denke, Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln und zu verteidigen, das ihnen vielleicht gar nicht so bekannt ist. Und zwar weil im Laufe der Jahrhunderte der Islamunterricht, die Weitergabe des Islam durch die Schriftgelehrten, immer mehr erstarrt ist und die heutigen Muslime gar nicht mehr den Zugang haben zu dem Reichtum des Erbes. Und Goethe hatte eben den unmittelbaren Zugang zu den vielfältigen Tendenzen innerhalb des Islam, weil in seiner Zeit die europäische Orientalistik in der Blüte stand. Und wie der iranische Staatspräsident Khatami in seiner Rede in Weimar auch betont hat: Damals war die europäische Orientalistik noch nicht geprägt von Machtansprüchen, sondern sie hatte ein rein wissenschaftliches, objektives Interesse, und dadurch hatte Goethe auch einen objektiven Zugang zum Islam.