zurück

Weimarer Sommerkurse 2002

Impulse II

Gespräch mit Dr. Hans Glauber, Leiter des Öko-Instituts Bozen (Südtirol)

Das "solare Zeitalter" als ein neuer zivilisatorischer Entwurf - Dr. Hans Glauber, Leiter des Öko-Instituts Südtirol in Bozen, bei seinem Vortrag während der Weimarer Sommerkurse.

Der zweite Referent im Plenum der Sommerkurse kam aus Bozen. Hans Glauber ist Künstler und Bergsteiger, Soziologe und Vorsitzender des ,Öko-Instituts Südtirol'. In seinem Heimatort am Fuß der Dolomiten hat er die ,Toblacher Gespräche' initiiert, einen jährlichen Gesprächskreis aus Vordenkern der Ökologiebewegung, von dem in den 90er Jahren wesentliche Impulse für die europäische Nachhaltigkeitsdebatte ausgingen. Bei den ,Weimarer Sommerkursen' hat Hans Glauber nun schon zum dritten Mal mitgewirkt. In seinem Vortrag und der Diskussion im Plenum entfaltete er seine Zukunftsvision anhand von konkreten Modellen der regenerativen Energieversorgung, Kreislaufwirtschaft und umweltverträglicher Mobilität.

Am nächsten Tag arbeitete er zusammen mit Hildegard Kurt im Kurs C unter dem Stichwort ,Lebens-Mittel Schönheit' über die Ästhetik der Nachhaltigkeit. Unser anschließendes Gespräch in der Bibliothek der EJBW kreiste um seine Grundbegriffe: ,Solares Zeitalter', ,Strategie der Schönheit', ,Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf'.

Frage: Warum ,solares Zeitalter'?

Hans Glauber: Weil wir aus zwei Gründen von den fossilen Energieträgern runterkommen müssen: Einmal weil sie begrenzt sind. Es ist eine Frage von einigen Generationen. Und das zweite, weil die Verbrennung von fossilen Brennstoffen das Klima schädigt und wir uns eigentlich nicht mehr leisten können, weiterhin in diesem Ausmaß Öl, Kohle, Gas zu verbrennen. Solares Zeitalter heißt dann eben: Weg von den fossilen Energien. Im Wesentlichen: Nutzung der Sonne.

Frage: Ist das eine realistische Alternative?

H.G.: In meinen Augen ist das die einzige mögliche Option für die Zukunft. Es ist im Grunde genommen keine Alternative, sondern ein vorgegebener Weg. Also, wir müssen dahin. Ich verstehe das solare Zeitalter natürlich nicht nur bezogen auf die Energiefrage, sondern es steht quasi symbolisch für ein anderes zivilisatorisches Muster. Die Nutzung der erneuerbaren Energien setzt voraus, dass insgesamt der Energieverbrauch reduziert wird, d.h. wir müssen eine insgesamt ressourcenleichtere Zivilisation aufbauen. Und dafür sind die Potentiale absolut da.

Die zahlreichen Parks in Weimar und Umgebung (hier Tiefurt) zeugen noch heute von einem "nachhaltigen" Umgang mit Natur, auch und gerade in materiell dürftigen Zeiten.

Frage: Auf der Agenda steht also mehr als bloß ein anderes Ressourcen-Management. Ein neuer zivilisatorischer Entwurf, d.h. ein außerordentlich tiefer Einschnitt, oder?

H.G.: Solares Zeitalter heißt im Grunde, das zu machen, was die Menschheit seit jeher immer gemacht hat. Das fossil-nukleare Zeitalter ist nur eine Episode in der Geschichte der Menschheit, die ein paar hundert Jahre dauert. Seit Beginn der Industrialisierung bis zur Erschöpfung der fossilen Ressourcen. Vorher lebte die Menschheit nur von der Sonne. Nachher wird die Menschheit nur von der Sonne leben. Allerdings auf einem viel höheren zivilisatorischen Niveau. Weil wir dank der Technologie die Fähigkeiten haben, die Sonne viel besser zu nutzen. Wir können mit der Sonne Strom erzeugen, was früher nicht möglich war. Wir haben ganz andere Einspartechnologien. Also die Menschheit wird im neuen, im zweiten solaren Zeitalter ein ganz anderes energetisches Angebot haben, und somit wird es möglich sein, eine Zivilisation aufzubauen, die gegenüber dem ersten solaren Zeitalter auch materiell viel reicher sein wird.

Frage: Welche politische Dimension sehen Sie in diesem Konzept?

H.G.: Bislang ist es so, dass die Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen, vor allen Dingen Öl, in wenigen Händen konzentriert ist, wir haben im Grunde monopolistische Strukturen. Einige große Ölkonzerne haben einen größeren Umsatz als das Bruttosozialprodukt einiger Länder. Mit großem, auch politischem Einfluss. Wir sind im Grunde genommen abhängig von der Energielieferung der großen Konzerne.
Im solaren Zeitalter wird das anders sein, weil die Sonne überall scheint. Oder fast überall. Also jeder wird mehr oder weniger Zugang zu dieser Energie haben. Der große Unterschied liegt darin, dass wir die Sonne nicht besitzen, sondern lediglich Zugang haben... Bei der Sonne zapft man eine Energiequelle an, die allen und niemandem gehört. Das ist wesentlich demokratischer. Es ist, wenn man so will, eine diffuse Energiequelle. Sie hat den Vorteil, dass diese Energiequelle Sonne eher da zur Verfügung steht, wo heute Armut herrscht, also in der Dritten Welt, so dass vielleicht die Utopie einer gerechteren Entwicklung auf der Erde in greifbarer Nähe ist. Eben weil Sonne für alle da ist, weil man sie nur anzuzapfen braucht und weil sie im Süden mehr scheint als im Norden.

Frage: Das solare Zeitalter hat für Sie neben dieser politischen und ethischen auch eine spirituelle Ebene?

H.G.: Sonne ist Quelle des Lebens, ist somit auch Symbol des Lebens. Die Sonne ist für einige Kulturen Symbol der Gottheit. Also, es hat auch eine spirituelle Dimension. Und da komme ich dann auf einen erweiterten Begriff des solaren Zeitalters, der sich eben nicht nur auf die reine Energiefrage reduziert, sondern wirklich eine neue Zivilisation, eine neue Kultur sein wird. Die materiellen Elemente, also die Energieversorgung, gehen darin ein. Aber es gibt auch andere Elemente, einen anderen Zugang, einen spirituelleren Zugang vielleicht, zu dieser Quelle des Lebens, die wiederum auch Quelle und Motor dieser neuen Zivilisation ist.

Frage: Schönheit ist für Sie ein zentrales Element einer Kultur der Nachhaltigkeit. Was meinen Sie mit ,Strategie der Schönheit'?

H.G.: Ich sprach davon, dass wir uns heute in einem Wettbewerb der zivilisatorischen Modelle befinden. Unsere technisch-konsumorientierte Zivilisation bedient sich der Schönheit, damit sie weiter bestehen kann, damit der Markt weiter florieren kann. Sie ist attraktiv. Die Produkte sind zum Teil sehr attraktiv. Mode, Autos, z.T. Gebäude usw. Aber diese jetzige 'schöne' Zivilisation ist nicht nachhaltig. Das ist das Problem. Wir müssen aber ein nachhaltige Zivilisation aufbauen. Damit diese nachhaltige Zivilisation den Wettbewerb besteht mit dem gängigen Modell, damit viele Leute mitgehen, damit Konsens da ist, muß sie auch attraktiv sein... Wir haben eine ganze Reihe Beispiele von Solararchitektur gesehen, da kann man das am ehesten deutlich machen... Diese neue Zivilisation muß bestehen können, muß ein Image von modern, innovativ, schön haben. Und eine wichtige Strategie, um Konsens zu stiften, ist die Strategie der Schönheit.

Frage: Bei den Toblacher Gesprächen haben Sie eine griffige Formel geprägt: ,Schönheit ist ein Lebens-Mittel'.

H.G.: In der ganzen Debatte ist dieser Aspekt ganz wichtig. Dass Schönheit ein Grundbedürfnis für die Menschen ist, dass in allen Kulturen und zu allen Zeiten Schönheit eine große Rolle gespielt hat. In der Alltagskultur, selbst bei den sogenannten ,primitiven' Völkern. Schönheit fängt an mit der Körperbemalung, mit der Kleidung, den Gegenständen, den Töpfen, den Behausungen, der Landschaft usw. Das alles wurde auch nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Und für mich ist Schönheit nicht das, was man am Abend genießt. Ins Museum oder ins Konzert gehen, und untertags sich gegenseitig bekämpfen. Die reale Welt als die Welt des Häßlichen, und am Abend hat man eine kleine Kompensation. Man zieht sich schön an und geht in die Oper. Das ist nicht Schönheit. Sondern Schönheit ist für mich eine Lebenshaltung, ist verwoben mit dem Alltag, mit unseren Wertvorstellungen, mit unseren Visionen, mit unseren Bedürfnissen, mit unserem Engagement.

Frage: Über welche Schönheit sprechen wir im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit? Bei den Toblacher Gesprächen war der Begriff des ,rechten Maßes' von Bedeutung. Was war damit gemeint?

H.G.: Der Überfluss, das Maßlose, ist häßlich, während das rechte, das richtige Maß schön ist. Und, ausgehend von unserer westlichen, relativ reichen Zivilisation: Schönheit hat etwas mit Begrenzung zu tun. Hat etwas damit zu tun, dass man in Zukunft mit weniger Mitteln Dinge machen muß. Wir brauchen eine Zivilisation des Weniger, des quantitativ Weniger. Wir brauchen eine Zivilisation, die sich Grenzen setzt, wo die Begrenzung eigentlich eine neue Ressource wird. Wenn man so will, sogar eine neue ästhetische Ressource.

Frage: Gibt es schon Beispiele?

H.G.: Man sieht im Design eine extreme Reduktion, die Tendenz, Überflüssiges wegzulassen. Man sieht es in der Architektur, zum Teil auch in der Mode. Also man sieht schon gewisse Anzeichen am Horizont, dass sich vielleicht der herrschende Schönheitsbegriff so langsam in diese Richtung bewegen könnte. Auch in der Stadtplanung wird das sehr wichtig sein. Also nicht die Städte ausufern lassen, nicht auf der grünen Wiese, sondern wiederum bauen auf dem Bebauten, auf dem Bestehenden, d.h. nach innen bauen und nicht nach außen. Nach innen sich entwickeln und nicht nach außen. Das ist die Begrenzung. Das ist die enorme große Herausforderung, the ,new frontier' einer nachhaltigen Entwicklung: Die Auseinandersetzung mit der Begrenzung. Wir haben ja auch kein Wirtschaftswachstum mehr. Das ist alles nurmehr fiktiv, seit vielen Jahren. Es ist auch logisch, es kann ja nicht alles immer wachsen. Gewisse Dinge wachsen, andere gehen zurück. Per saldo gibt es bereits kein Wachstum mehr. Das ist die große Herausforderung. Auch mit dem Wenigen oder mit dem Bestehenden zurechtkommen... Das ist eine zwingende Entwicklung. Das ist nicht eine Option unter vielen anderen. Sondern im Grunde genommen: Es ist die einzige Option. Genau wie das solare Zeitalter. Wir müssen die Grenzen akzeptieren, aber kreativ akzeptieren, daraus etwas machen, und sie sozusagen als die Herausforderung ansehen.