zurück

Weimarer Sommerkurse 2002

Denk-Wege III

Dr. Hildegard Kurt (Kurs C): Das Prinzip des ,Weniger' in Kunst und Nachhaltigkeit

Hildegard Kurt ist Kulturwissenschaftlerin aus Berlin. In Deutschland gehört sie zur Avantgarde einer Suchbewegung, die am Leitbild ,Nachhaltigkeit' arbeitet. In zahlreichen Veröffentlichungen und Interventionen plädiert sie für eine Erweiterung dieses Begriffs um die kulturelle Dimension: Es gehe nicht allein um ökonomische, ökologische und soziale Lösungen für die akuten Probleme der Gesellschaft. Die Basis dafür sei eine Veränderung in der Sphäre der Wahrnehmung, der Werte und Ziele der Gesellschaft. Ihr Seminar im Rahmen der ,Sommerkurse' spannte den Bogen von Schillers ästhetischer Theorie über das Bauhaus und Joseph Beuys bis hin zur aktuellen Konzeptkunst eines George Steinmann.

Frage: Bei der Vorstellung des Kursprogramms sprachen Sie von ,Neuland'. Warum?

Hildegard Kurt: Mit unserem Kurs ,Kunst in Zeiten der nachhaltigen Entwicklung' haben wir wirklich in der Tat Neuland betreten, weil wir uns kaum auf bereits vorhandenes Wissen stützen konnten. Wir konnten nicht in dieser Weise rezipieren, sondern waren gezwungen, selber sehr viel zu produzieren. Und das war um so spannender, als wir in unserer Gruppe Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den allerverschiedensten Ländern mit den unterschiedlichsten Hintergründen hatten.

Frage: Ist es in dieser multikulturellen Gruppe gelungen, das schwierige neue Terrain gemeinsam zu betreten?

H.K.: Bewegend war es immer dann, wenn man spürte: Jetzt ist ein Moment gekommen, wo wir in diesem weiten und offenen Feld, das unsere Thematik darstellt, durch die gemeinsame Arbeit plötzlich etwas haben, eine Idee, einen Gedanken, was sich wie eine Substanz fast greifbar dann plötzlich hier im Raum entwickelt. Ich denke, das ist uns ab und an gelungen. Für mich waren diese zwei Wochen etwas, was fernab von jeder Routine in jederlei Hinsicht und von Anfang bis Ende lebendig gewesen ist und geatmet hat. Mit allen Schwierigkeiten, die dazu gehören.

Frage: Kunst und Nachhaltigkeit zusammen zu denken, scheint in der Tat schwierig. Der gerade in Johannesburg beendete ,Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung' verhandelte in erster Linie CO2-Emissionsrechte und Süßwasservorräte. Was hat Kunst mit dem politischen Konzept ,sustainable development' zu tun?

H.K.: Die Zeit scheint reif, zu realisieren, dass wir es nie schaffen werden, dieses neue Leitbild der Zukunftsfähigkeit zu kommunizieren und attraktiv zu machen, wenn wir nicht diejenigen Akteure mit einbeziehen, die in der Lage sind, gesellschaftliche Bilder und Konzepte durch Symbole, durch Rituale, durch bestimmte Handlungen lebendig werden zu lassen. Und das sind nun mal die Künstler, die Kulturschaffenden. Es geht um nichts Geringeres als aus dem Konzept eine Vision und aus der Utopie etwas zu machen, was wir als spannende und aufregende Gestaltungsaufgabe empfinden.

Frage: Welcher Begriff von Kultur liegt dabei zugrunde?

H.K.: Die kulturelle Dimension von Zukunftsfähigkeit entdecken heisst: Unseren Kulturbegriff selbst erst einmal zukunftsfähig machen. So! Und da kommen wir zu sehr interessanten Dingen, über die wir in unserem Kurs gesprochen haben. Ich möchte drei Merkmale eines zukunftsfähigen Kulturbegriffs einfach mal nennen: Es müsste ein Kulturbegriff sein, der Mensch und Natur gleichermaßen umfasst, während der überkommene Kulturbegriff sich gerade von Natur abgegrenzt hat. Kultur begann da, wo Natur aufhörte. Das müssen wir hinter uns lassen. Um zu sehen, dass Mensch und Natur beide Teile eines Lebensganzen sind. Das wäre sehr wichtig. Das nächste Merkmal wäre, dass Vielfalt eine zentrale Komponente darstellt. D.h. kulturelles Verhalten wäre die Pflege von Vielfalt, und zwar von biologischer Vielfalt ebenso wie von kultureller Vielfalt. Ein ganz zentrales Element! Das nächste ist das Element der Partizipation. Kultur muss heute eine möglichst breite Teilhabe bedeuten, und zwar nicht an Konsumtion, sondern an gesellschaftlichen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Das wäre jetzt alles noch weiter auszudifferenzieren. Also wir sehen, da fängt es an spannend zu werden, wenn wir unser Verständnis von Kultur selbst erneuern, um zukunftsfähig zu werden.

Frage: Ein zentraler Gedanke von Nachhaltigkeit ist die Reduktion des menschlichen Naturverbrauchs. Das scheint nur eine Frage des besseren Ressourcen-Managements zu sein. In Ihren kultur- und kunstwissenschaftlichen Forschungen entfalten Sie jedoch die kulturelle Dimension dieses Prinzips ,Weniger'. Warum?

H.K.: In der Tat ist ,Reduktion' ein Schlüsselbegriff der Nachhaltigkeitsdebatte, und ist es schon immer gewesen. Das ist mit ein Grund dafür, dass es immer heisst, Nachhaltigkeit ist sei nicht vermittelbar. Denn wir müssten alle verzichten, alles reduzieren usw. Ich bin davon überzeugt, dass es in unserem geistesgeschichtlichen Erbe ganz spannende Etappen gibt, die uns vorführen, dass das Prinzip des Weniger keineswegs zu Schäbigkeit oder Armut oder Verlust führen muss. Sondern dass dieses Prinzip auf sehr überzeugende Weise ein Instrument werden kann, um Lebensintensität und Lebensfülle zu steigern. Ich persönlich untersuche das insbesondere im Blick darauf, was sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Kunst zugetragen hat. Wo die klassische Moderne, wir nennen sie auch die historische Avantgarde, gerade mit diesem Prinzip der Reduktion, also der freiwilligen, wohlbemessenen Zurücknahme gearbeitet hat, um sich neue Ebenen und neue Handlungräume zu erschließen. Und zwar sowohl im Geistigen, als auch in der praktischen Arbeit des Formens.

Frage: Sie haben in Ihrem Kurs gleich nach Schillers Ästhetik die kunsttheoretischen Ansätze von Wassili Kandinsky behandelt, die er ja zum Teil hier in Weimar, nämlich am Bauhaus, entwickelt hat. Wäre das ein Beispiel für die ,Kunst der Reduktion'?

H.K.: Reduktion als Gestaltungsinstrument ist in der Tat sehr schön abzulesen bei Kandindsky. In der Kunst heißt Reduktion zunächst einmal die Abkehr vom Gebot der naturgetreuen Abbildung und die Hinwendung zu einer komplexen Simplizität, die Beschränkung auf eine komplexe Einfachheit. D.h. die Künstler wollen jetzt nicht mehr unbedingt naturgetreu abbilden, versuchen jetzt nicht mehr, etwas figurativ darzustellen, sondern versuchen, sich auf Formen, Linien, Farben zurückzuziehen und aus diesen komplexen Einfachheiten neue Formgebungen zu schaffen. Goethe hat einmal gesagt (aber der Gedanke hätte auch von Wassili Kandinsky stammen können): Nicht die Natur nachahmen, sondern der Natur nachahmen. Indem er die Ebene des Gegenständlichen, des Figurativen durchbricht, versucht er, hinter dem Figurativen die Lebensgesetze und die Lebensprinzipien zu erkennen, die hinter dem Gegenständlichen verborgen liegen, d.h. er versucht, eine tiefere Ebene der Realität zu erreichen, um von da aus in ganz anderer Weise seine Aufgabe als Maler, als Künstler, aber auch als Zeitgenosse wahrnehmen zu können: Nämlich in einer durch die Industriemoderne völlig auf den Kopf gestellten Welt wieder Orientierungen zu finden.

Frage: Bauhaus und klassische Moderne sind für Sie immer noch ein Faszinosum?

H.K.: Absolut! Wenn man heute in ein Museum geht, und vor diesen Werken steht - Klee, Malewitsch, Picasso oder Kandinsky - dann spürt man diese Kraft. Das war ein ganz, ganz radikaler, mutiger Aufbruch. Und man spürt die Schönheit, die von diesen Werken ausgeht. Es mag paradox merkwürdig klingen, aber für mich ist das so etwas wie eine mündige Schönheit. Keine Oberflächenschönheit, sondern eine mündige Schönheit, die hervorgeht aus dem Versuch, aus einer selbstbestimmten, freien Wahrnehmung heraus tiefer in die Realität vorzudringen, um in angemessenerer Weise auf unsere Realitäten antworten zu können. Also das ist faszinierend, dieser emanzipatorische Impetus, der da drinsteckt. Und das spürt heute noch, wenn man sich diese Werke anschaut. Also mir persönlich geht es so. Ein Versuch, von diesem kulturell-künstlerischen Feld her Orientierungen in der Industriemoderne zu finden, und zwar durch eine sich im Prinzip des Weniger erneuernde Kunst, war die Gründung des Bauhauses. Da hat man versucht, dieses Gedankengut in praktische Formvorschläge für alle möglichen Bereiche der Lebenswelt umzusetzen.

Frage: Ist nicht die Gefahr des Absturzes dabei immer gegeben? Dass man in die Plattheit abstürzt und letztlich beim ,Plattenbau' landet?

H.K.: Deswegen muss man auch von der ,Kunst der Reduktion' sprechen. Da geht es in der Tat darum, eine Balance zu finden - und das richtige Maß. Dem historischen Bauhaus ist das nicht gelungen. Albert Einstein hat den schönen Spruch geprägt: Man soll die Dinge so einfach machen, wie es geht, aber nicht einfacher. Und diesen Grundsatz haben die Leute am historischen Bauhaus nicht genügend respektiert. Da ist dann schon so etwas wie Monotonisierung, Uniformisierung, Verlust von Komplexität, Plattheit zustande gekommen. Bis zu den Plattenbauten. Während es heute darum ginge, an den Punkt zu kommen, den auch George Steinmann in seinem Workshop während des Kurses beschrieben hat. Wo man freiwillig immer mehr zurück geht, immer mehr Überflüssiges weglässt. Und sich von da aus dann plötzlich neue Handlungsebenen und auch neue Ebenen des emotionalen und des geistigen Seins erschließt. Und das ist ohne jeden Zweifel möglich, heute sogar mehr denn je in der Moderne. Jeder kreative Mensch, der das Glück hat, in einer relativ - relativ - wenig entfremdeten Tätigkeit zugange zu sein, wird wissen, wovon da die Rede ist.

Frage: Sie plädieren für eine neue Kooperation zwischen den Akteuren der Nachhaltigkeit und Künstlern. Das soll ja nun nicht heissen, Künstler zu beauftragen, vorgefertigte Gedanken zu illustrieren, um sie einer desinteressierten Öffentlichkeit besser vermitteln zu können. Sie sprechen vielmehr von der Kunst als einer Wissensform. Was charakterisiert Kunst als Wissensform?

H.K.: Die eigentliche Aufgabe von Kunst ist nicht, Wissen zu transportieren, sondern Wissen zu produzieren. Es ist nicht etwa so, dass künstlerisches Schaffen keineswegs die Ratio ausschließen würde, das auf keinen Fall. Das logische Denken wird überhaupt nicht ausgeschlossen. Sondern es ist so, dass zusätzlich zur Ratio auch andere Wesensanteile, die wir als Menschen alle haben, nämlich das Intuitive oder die Imagination oder das Sinnenbewußtsein oder unsere Emotionalität, mit in die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis eingeschlossen werden. D.h. sie werden ernst genommen als Quellen von Wahrheit und Erkenntnis.