zurück

Weimarer Sommerkurse 2002

Denk-Wege II

Thomas Ritschel (Kurs B): Europa, der Islam und die Dekonstruktion der Bilder

Thomas Ritschel mit Teilnehmenden auf dem Johannisfriedhof in Jena.

Wir haben uns im Kurs B nicht nur mit dem Islam und seiner Wahrnehmung in Europa beschäftigt, wie es der Titel des Kurses vermuten lässt. Zu guter Letzt hat uns dieses Thema auf uns selbst zurückgeworfen, auf die Frage nach der europäischen Identität. Was sind wir eigentlich? Wie haben wir uns eigentlich in Europa gefunden? Ist das, was immer wieder von der administrativen Ebene kommt, also die Begründung, warum wir uns eigentlich als ein Europa verstehen sollen, überhaupt so selbstverständlich? Welche sind die Elemente, die uns verbinden?

Das Ganze hat sich von Edward Saids These her erschlossen: Der Orient ist ein Konstrukt zur Selbstbestimmung des Okzident. Wir brauchen das Fremde, das Andere, das Gegenüber, um selber zu wissen, wer wir sind. Wir haben eine Abgrenzungsidentität, die sich über Jahrhunderte entwickelte. Das ist einfach die historische Prägung, die wir mitschleppen, und die eine ganz starke psycho-soziale Ebene hat. Und das hat uns auf den Weg gebracht, auch über unsere eigenen Konflikte zu reflektieren, mit denen wir konfrontiert werden im Hinblick auf ein einheitliches Europa, aktuell im Hinblick auf die Osterweiterung.

Zum Gang des Kurses: Unser Ausgangsthema war Wahrnehmung und Geschichte. Wie verarbeiten wir Geschichte? Was bedeutet es, Geschichte wahrzunehmen, zu rekapitulieren und zu verbalisieren. Also dieser eigenartige Prozess, dass ein Ereignis uns berührt, dass es in uns wirkt, und dann in irgendeiner Weise abgelegt werden soll. Wir haben uns gefragt: Wie funktioniert eigentlich Erinnerung? Was passiert, wenn wir erinnern? Was leisten wir, wenn wir Geschichte und Erinnerungen wiedergeben?

Wir sind dabei u.a. auf folgende Antwort gekommen: Das was wir als Geschichte wahrnehmen, sind Konstruktionen von Wirklichkeit. Es ist eine Illusion zu glauben, dass das was wir in Geschichtsbüchern oder selbst in historischen Quellen vorfinden in irgendeiner Weise die Realität tatsächlich abbildet. Es sind Konstruktionen, die von verschiedenen Einflüssen herrühren, die in jedem Erinnerungsprozess eine Rolle spielen. Und jeder dieser Erinnerungsphasen wirkt sich wieder aus. Was man uns heute als Geschichte Europas und unsere nationalen Geschichten präsentiert, sind Konstruktionen, die unter vielen verschiedenen Einflüssen entstanden sind. Es kommt darauf an, historische Wahrnehmungskonstruktionen möglichst weitgehend zu dekonstruieren. Auf diesem Weg lässt sich vielleicht ein neues Verhältnis zur Geschichte, vor allem zu den ethnischen und religiösen Konflikten, gewinnen. Das Verständnis des Verhältnisses zwischen Europa und Islam ist eben nicht nur aus der Ereignisgeschichte zu gewinnen, sondern aus einer mit Phantasien, Mythen, Legenden und Irrtümern angereicherten Wahrnehmungsgeschichte.

Diese Thematik haben wir dann anhand von verschiedenen historischen Phase umgesetzt. Angefangen mit der Erstbegegnung Europas mit dem Islam im 7. und 8. Jahrhundert.
Dann haben wir uns verschiedene Phasen im Mittelalter angesehen und versucht, die Islamwahrnehmung dieser Zeit einmal aufzulösen und zu schauen, aus welchen Quellen sie sich speiste. Welche Motive waren bei denen vorhanden, die damals den Islam rezipiert haben? Welche Wirkungen hatte das dann wiederum in den verschiedenen europäischen Regionen, insbesondere in der Wahrnehmung des breiten Volkes?
Es gab sehr verschiedene Wahrnehmungen. Sie waren noch viel differenzierter als heute. So gab eine ganz bestimmte Elite von Leuten, meist Theologen, Mönche oder Adlige, die dieses Bild ganz massiv geprägt haben. Diese unterlagen wiederum sehr unterschiedlichen Einflüssen, z.B. dem Einfluss der spanischen Apokalyptik im 9. Jh.. Man hat in Spanien den Islam völlig anders rezipiert als z.B. im damaligen Frankenreich. Es gab ganz entscheidende Unterschiede, die natürlich mit der Unmittelbarkeit der Erfahrung zu tun hatten. Interessant ist, dass in den folgenden Jahrhunderten die Rezeption der spanisch-apokalyptischen Sicht, die etwa im 13. Jahrhundert weitgehend verschwunden war, einen Siegeszug durch Europa angetreten hat. Im 14. und 15. Jahrhundert haben wir die gleichen Argumente wieder. Also diese Dinge sind lebendig geblieben in Europa. Sie sind nicht einfach vorbei, sondern solche prägenden Sichtweisen entstehen und hinterlassen Spuren, die wir bis heute merken.
Zu diesen Überzeugungen gehört z.B. auch, dass im Mittelalter christliches Europa und islamische Reiche sich antagonistisch gegenüber standen. Die Realität war dagegen viel komplexer, Bündnisse von christlichen und islamischen Reichen gegen christliche oder islamische Gegner waren keine Seltenheit.

Die Thematik haben wir weiter vertieft in der Beschäftigung mit dem Orientalismus in der Kunst und der historischen Orientfotographie, sowie in der Analyse der Orientwahrnehmung des 19. Jahrhunderts. Insbesondere die Beschäftigung mit wichtigen Persönlichkeiten der Weimarer Klassik und der Philosophie des deutschen Idealismus und deren Islamwahrnehmung stand dabei im Mittelpunkt. Nahezu alle diese Phasen und Persönlichkeiten haben ihren Beitrag zu unserem Bild von der isalmischen Welt geleistet – vieles ist uns davon heute nicht mehr bewusst.

Vorstellungen und Urteile über den Islam speisen sich noch heute weitgehend aus einer undifferenzierten Sicht auf die gemeinsame Geschichte. Dabei spielen Mythen noch immer eine immense Roll: die Schlachten von Poitiers, auf dem Kosovo Polje oder vor Wien werden noch immer politisch emotional instrumentalisiert. Die tatsächlichen Bedeutungen dieser Ereignisse liegen aber nicht in ihren unmittelbaren politischen oder strategischen Folgen, sondern in ihrer Instrumentalisierung und deren Folgen.

Wie lassen sich erstarrte Denkstrukturen verflüssigen? Zunächst müssen wir erkennen, dass es sich bei den Bildern vom Islam, die wir heute in Europa und in der westlichen Welt haben, um historisch gewachsene Konstruktionen handelt. D.h. wir müssen in die Diskussion erst einmal eintreten, um uns klar zu werden, dass diese Bilder auch etwas über uns selbst aussagen. Dass sie mit unserer eigenen Vergangenheit, mit unseren eigenen unbewältigten Fragen zu tun haben. Dass viele Dinge, die wir im Islam angreifen, für uns selbst ungeklärt sind. Wir haben das gemeinsam mit Naausika Schirilla am Beispiel der Rolle der Frau in der Gesellschaft diskutiert. Wir transportieren, wir projizieren auch unsere Probleme auf andere Kulturkreise. Das Ganze geht einher mit einer starken Vereinfachung. Also das Gegenüber wird zu einem Stereotyp. Wir sprechen von dem Islam. Wir verweigern uns einer Differenzierung, schließen aber auch daraus, dass wir selber eins - Europa - wären.

Wir sprechen von „Europa und dem Islam“. Und diese Vereinfachung gilt für uns genauso wenig. Wir müssen uns selbst erst einmal als eine Vielheit wahrnehmen.
Und was ganz entscheidend ist: Dass wir uns vom europäischen Evolutionismus verabschieden, von diesem eurozentristischen Evolutionimus im Sinne von: Wir sind Maß der Zeit, Maßstab aller Dinge. An uns muss sich alles messen. Alle anderen gruppieren sich irgendwo um uns herum, müssen aber erst auf unser Niveau kommen.
Das ist ja auch eine Last, dass wir anscheinend schon so weit entwickelt sind. Dieses Denken muss sich als erstes verflüssigen. Stattdessen müssen wir wahrnehmen, dass sich Europa in vielen Fragen völlig unklar ist: Wie geht es weiter ökologisch? Was wird aus den regionalen Kulturen? Wie geht es weiter mit Familienstrukturen? Das sind viele Sackgassen, die nicht zuletzt ihre Wurzeln in der europäischen Moderne haben. Deswegen können wir unmöglich von den Menschen aus einem anderen Kulturkreis erwarten, dass sie genau an dieser Stelle landen, indem sie unsere Modernisierungsschritte nachvollziehen und unsere Strukturen einführen.

In der Diskussion hat das Moustapha Sow an einem Beispiel deutlich gemacht: Wenn Europa von Afrika erwartet, dass es analoge Wirtschaftsstrukturen entwickelt, dass also die Afrikanische Union sich nach dem Vorbild der EU entwickelt, und nur wenn sie unsere Strukturen haben, fließen unsere Hilfsmittel rein, dann ist das genau das Problem. Also wir denken immer noch, wir seien die Spitze der Pyramide. Hier muss eine klare Reflexion einsetzen, eine Neubewertung der eignen Entwicklung, der eigenen Geschichte.

Wo man sich weitgehend als eine einheitliche Identität verstehen sollte und muß, ist die Frage der gemeinsamen Verantwortung für die Geschichte. Zum einen für die negativen Modernisierungsfolgen, die natürlich Auswirkungen auf andere Kulturen haben, zum anderen für die Folgen des Kolonialismus. In dem Sinne kann Europa sich als einheitlich verantwortlich fühlen, auch wenn hier nationale Geschichte besondere Verantwortung erfordert.

In unserer Diskussion über Europa, haben wir erkannt, dass die Entstehung europäischer Identität ein Prozess ist, der ist nicht abgeschlossen werden kann. Diese Erkenntnis mag manchem Politiker nicht gefallen.
Aber zentrale Erkenntnis ist: Wir sind in diesem Prozess drin. Dieser Prozess geschieht nur im Dialog, durch Kommunikation, durch konstruktive Auseinandersetzung über all die historischen und aktuellen Fragen. Der Dialog unter uns Europäern ist dabei aber nur eine Seite. Das haben wir gemerkt. An unserem Kursthema sind wir in den eigenen Dialog eingestiegen - über unser eigenes, ethnisches und politisches Selbstverständnis, über unsere Geschichte, über die Beziehungen der unterschiedlichen europäischen Völker zueinander. Das war ein wunderschöner Impuls, der da plötzlich aus dieser Diskussion um den Islam auftauchte. Aber trotzdem musste daraus wiederum die Reflexion über den Islam kommen, muss es im Gespräch, in der Begegnung mit dem Islam münden. Diese Reaktion entspringt aber dann aus einer Neugierde, die sich aus der Dekonstruktion eigener Geschichtsbilder und aktueller Wahrnehmungen speist. Aus der Dekonstruktion entsteht die Neugierde, zu sagen: Ich möchte jetzt aus eigener Sicht etwas vom Islam erkennen. Und genau das ist bei den Leuten, die hier saßen, passiert. Die kamen nämlich mit ihren Ressentiments, ihren Ängsten, ihren Bildern ...

Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehörte hier: Ein konstruktiver Dialog, eine Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Religionen erschließt sich nur aus der Dekonstruktion unserer Bilder, also all dessen, was wir mitbringen. Wir müssen uns wirklich ernsthaft mit diesem „historischen Ballast“ auseinander setzen, müssen unsere Geschichte neu diskutieren und müssen natürlich auch nach Konsequenzen fragen? Allein mit der Dekonstruktion ist es nicht getan. Es ist ganz klar eine Frage von Verantwortung und Handeln. Dazu gehört, was wir als Europäer für die Welt geleistet haben, neu bewertet werden muss. Das sehe ich als einen ganz dringenden Anspruch an Europa. Und wenn Europa und die europäische Einheit ernst genommen werden will, dann muss m. E. genau daran Europa eins werden, dass diese Diskussion tatsächlich europäisch geführt wird: Wieso gehören wir in Europa zusammen? Was heißt europäische Identität? Welche Folgen hat das für eine gemeinsame europäische Sicht auf die Geschichte? Und darin eingebunden ist die Frage nach der Bedeutung des Islam für Europa, nach einer gemeinsamen Zukunft in Europa.

Im Rahmen des Kurses haben wir diese Diskussion sehr intensiv geführt. Dabei waren es nicht zuletzt die eigenen Bilder und Ressentiments, die mitgebrachten Konflikte – die plötzlich lebendig wurden – die uns weiter brachten. Von besonders großer Bedeutung war dabei die afrikanisch-islamische Sicht Mustafas, die uns immer wieder neue Impulse gab.
Einig waren sich am Ende des Kurses alle: Die begonnene Diskussion muss weiter gehen.

Mitschnitt eines Gesprächs mit U. Grober