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Weimarer Sommerkurse 2002

Denk-Wege I

Dr. Frithjof Reinhardt (Kurs A): Philosophie muss wieder zurück auf die Marktplätze!

Dr. Frithjof Reinhardt vom Institut für Philosophie und Kulturgeschichte leitete den Kurs A.

Letzter Tag der 3. Weimarer Sommerkurse: Am Ende der zweiwöchigen intensiven Arbeit in den Gruppen baten wir die drei Kursleiter Dr. Frithjof Reinhardt (Kurs A), Thomas Ritschel (Kurs B) und Dr. Hildegard Kurt (Kurs C), uns die 'Denk-Wege' ihrer Seminare kurz zu skizzieren. Hier die 'Topographie', die bei diesem schnellen Blick in den Rückspiegel sichtbar wurde.

Im Kurs A haben wir uns als erstes, was wir mit Philosophie eigentlich wollen. Dabei ist eins deutlich geworden: Philosophie muß kritisch in die gesellschaftliche Wirklichkeit eingreifen. Sie muß praktisch werden. Philosophie muss raus aus den Elfenbeintürmen. Sie muss wieder zurück auf die Marktplätze. Das war der Ausgangspunkt.

Dann wurde die Frage gestellt: Wie können wir unseren Standort bestimmen, an dem wir stehen. Dazu haben wir klassische Texte studiert und festgestellt: Auch in der klassischen Zeit begriff man sich in einer Zeit des Umbruchs. Genau die Zeit der Weimarer Klassik war eine Zeit des Umbruchs, nämlich von einer Agrargesellschaft zur modernen Industriegesellschaft. Und wir haben festgestellt, dass am Ende der Industriegsellschaft eine Reihe von Theoretikern feststellt: Wir sind wieder an einem neuen Umbruch. Von der Industriegesellschaft in eine bessere Gesellschaft. Den Umbruch müssen wir meistern, wenn wir nicht die Welt ins Chaos führen wollen, wenn das nicht alles in Krieg und Krisen zu Ende gehen soll.

Dann haben wir versucht, uns darüber zu verständigen, was Weimarer Klassik ist. Dass sie eben nicht auf Literatur zu reduzieren ist, sondern dass es ein Kommunikationszusammenhang ist, um 1800 in Weimar und Jena, wo junge Intellektuelle aus ganz Europa zusammengekommen sind, um über die Frage zu diskutieren: Wie und was wollen wir in dieser Welt verändern? Wie können wir eine Gesellschaft aufbauen, wo Freiheit, Gleichehit, Brüderlichkeit, die Ideale der Französischen Revolution, umgesetzt werden, und dazu sind unterschiedlichste Entwürfe - Erziehungsentwürfe, Kunstentwürfe, naturphilosphische Entwürfe - gestaltet worden.

Wir haben uns dann der Frage zugewandt, deutlich zu machen, dass praktische Philosophie in den Diskursen von zentraler Bedeutung war und nicht theoretische Fragestellungen. Letztere standen im Dienst der praktischen Philosophie. Man verwandte damals den Begriff Ethos oder Ethik zwar weniger, aber es ging zentral um die Frage, wie müssen wir eine bessere Sittlichkeit gestalten, um eine Spannung herzustellen zwischen gelebter Ethik, sprich Sitte, Tradition, Gewohnheit und einer angestrebten besseren Gewohnheit, auf dieser Erde zu leben, einer besseren Sittlichkeit, eines besseren Ethos. Diese Frage stand im Zentrum. Und daran anschließend haben wir gefragt: Was heisst das für uns?

Wir haben uns dann dem Projekt Weltethos von Hans Küng kritisch zugewandt und haben festgestellt, dass dieses Projekt Weltethos unseres Erachtens nicht genügen kann, weil hier Religionen auf ein Minimalkonzept des Guten - sehr verkürzt dargestellt - zusammengefasst werden. Aber dieses Minimalkonzept des Guten, worauf wir uns alle einigen können, hilft uns nicht, unsere Differenzen zu bearbeiten. Und wir haben festgestellt, dass zwischen den Religionen sicherlich eine Moderation der Differenz notwendig ist, um nicht in Kriegen diese Differenzen auszudiskutieren. Wir haben die Frage gestellt, ob nicht Philosophie gerade dieser Moderator sein kann, weil für Philosophie die Frage nach der Letztbegründung die letzte Frage ist. Vielleicht hat die Philosophie vielmehr die Aufgabe, Positionen, die mit Letztbegründungen arbeiten, in ihrer Unterschiedlichkeit zu moderieren. Um auch ihre Unterschiedlichkeit bestehen zu lassen, aber darin, in der Unterschiedlichkeit, auf das Gemeinsame hinzuweisen. Beides immer in der Balance zu halten und nicht das eine über das andere zu vergessen - vielleicht könnte Philosophie darin eine neue Aufgabe gewinnen.

Daran haben wir weitergearbeitet und die Frage aufgegriffen: Was bedeutet das? Welche Grenzen, welche Gefahren bestehen, wenn wir solche universalistischen Ansätze betrachten. An dem Punkt haben wir uns mit der Menschenrechtsdebatte beschäftigt, weil das die Debatte ist, an der man am plastischsten die Diskussion von universellen Prinzipien nachvollziehen kann. Wir haben gesehen, dass es so ohne weiteres nicht geht, einfach zu sagen, wir erklären die Menschenrechte. Menschenwürde und Herrschaftsbegrenzung sind zwei elementare Punkte, um die es in allen Kulturen, in allen Religionen immer wieder ging, auch in der Formulierung von Prinzipien. Wir haben gefragt, was würde daraus für das Ethos entspringen, und haben festgestellt, dass das ,älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus' interessante Anregungen geben würde, um einzelne Bereiche eines nachhaltigen globalen Ethos zu bestimmen: Dass wir auf Geschichte eingehen müssen, auf unser Naturverständnis eingehen müssen, dass wir auf den Staat eingehen müssen, auf Kunst eingehen müssen, dass wir theoretische Begründungen brauchen, dass aber letztendlich, wie es im ,Systemprogramm' heisst, alle Metaphysik in Ethik hineinläuft.

Teilnehmende des Philosophie-Kurses im Nietzsche-Archiv.

Das war der Ausgangspunkt, und dann haben die Teilnehmer versucht, ihre Gedanken, mit denen sie sich in dieser Zeit auseinandergesetzt haben, mit ihren Fragen und Ängsten aufzuschreiben. Das erste Ergebnis ist also, dass alle Teilnehmer aus diesem Kurs gehen und eigene Texte, Thesen verfasst haben.
Zum Abschied haben wir am ,Stein des Glücks' im Ilm-Park zusammen überlegt, was wären die nächsten Punkte, die wir bearbeiten wollen. Da sind Hinweise zusammengekommen, die, denke ich, in die Planung des nächsten Kurses eingehen werden.

Was wir umschrieben haben, ist erstmal ein Gedankenkonstrukt, von dem aus man jetzt einzelne Punkte tiefer bearbeitet. Wir wollen nicht nur eine Diskussion anregen, sondern auch Hinweise geben können, die bis in die Lebenswirklichkeit hineinreichen. Wie wir unser Leben - als erstes - anders befragen, um das eine oder andere erst anders zu sehen und dann anders zu machen.

Es gab immer eine Spannung, die wir im Kurs gespürt haben, nämlich die Gefahr, Philosophie zu ideologisieren, also dass sie in Ideologie umkippt. Wir haben gesagt, nein, wir wollen anregen, keine Metaerzählungen liefern. Aber Philosophie sollte sich die Aufgabe stellen, Denkangebote für andere zu machen. Andere müssen sich dann damit auseinandersetzen und entscheiden, ob sie das akzeptieren, kritisieren oder verwerfen. Aber Philosphie darf sich nicht zurückziehen, sagen, o.k. lass doch die Leute machen, was sie wollen, und wir machen unsere theoretische Arbeit. Und das war so eine Spannung, die sich durch das ganze Seminar gezogen hat: Wie können wir theoretisch diskutieren und den Bogen schaffen zur praktischen Lebenswirklichkeit. Und deswegen: Ethos mit langem e, wie Aristoteles sagte, um die Gewohnheit dabei mit zu besprechen. Das war auch im Kurs lustig: Zuerst mussten wir durch die hintere Tür gehen. Am Schluss war immer noch die hintere Tür die Haupteingangstür. Die Gewohnheit ist das Entscheidende, und wir müssen Gewohnheiten gestalten. Wir müssen einfach auch unsere Gewohnheiten ernst nehmen. Bestimmte Gewohnheiten legt man einfach nicht ab. Und da lohnt es sich nicht zu sagen, das soll aber so sein. Das Sollen blamiert sich immer wieder vor der Realität, um Goethe zu zitieren. An diesen Punkten wollen wir jetzt - über E-mail - weiterarbeiten.